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Cinema, 2009 by Brunner, Philipp
In L. A. nobody touches you.
Crash (Paul Haggis, USA 2004)
New York is where everyone comes to be forgiven.
Shortbus (John Cameron Mitchell, USA 2006)
Seit jeher interessiert sich der Film f�r die Stadt, und nicht selten wird als Grund angef�hrt, das Kino und die moderne Metropole seien zur selben historischen Stunde geboren, Film sei an sich ein st�dtisches Medium. Ausserdem gilt gerade die Gross Stadt als besonders fotogen: Das Aufeinandertreffen von Architektur, Menschenmassen und Verkehrsstr�men, von Licht- und Wettereffekten scheint eine nat�rliche Affinit�t zur filmischen �sthetik zu haben und kann doch in zahllosen Nuancen orchestriert werden.
Viele Stadtfilme zelebrieren die Metropole als Inbegriff des Grossen und Neuen, skeptische Varianten denken �ber die Schattenseiten nach (�de Fabrikgel�nde und zwielichtige Bars, sch�bige Hotelzimmer und regennasse Strassen). Realistische Quartierstuthen loten das Leben der kleinen Leute aus, �tzende Satiren spotten �ber architektonische Entgleisungen und postmoderne Globalisierung. Wieder andere setzen touristische Highlights pittoresk in Szene oder r�cken die apokalyptische Dimension in den Vordergrund: Bedrohung, Verunsicherung, Unmenschlichkeit.
Unz�hlige Filme tragen die Stadt bereits im Titel - von Gli ultimi giorni di Pompei (Mario Caserini, I 1913) bis zu Paris, je t'aime (Olivier Assayas u. a., F 2006) -, auch wenn sie sie oft nur als attraktiven Hintergrund nutzen. Prachtboulevards und Vorstadtsiedlung, Asphaltdschungel und Parkanlagen, Kanalisationssysteme und Villenviertel, Mietskasernen und Luxuslofts k�nnen aber auch zu bedeutungstragenden Schaupl�tzen werden, ohne die ganze Genres und Stilrichtungen undenkbar w�ren: der Film Noir und das Hongkong-Kino, der Wiener Film, aber auch Tr�mmer-, Gangster- und Polizeifilm.
Gleichg�ltig, ob Filmst�dte zu Stadtfantasien �berh�ht werden, Klischees sich aneinanderreihen oder Unbekanntes ans Licht geholt wird: Im Kino wird die Stadt zum sinnlichen Erfahrungs- und Erz�hlraum, in dem vieles m�glich scheint, alles scheitern kann. Traumhafte Karrieren ereignen sich neben albtraumhaften Verstrickungen, Gewaltexzesse neben stummen Trag�then. Soziale Unruhen schwelen, Grossstadtneurosen gedeihen, Avantgarde und Subkultur bringen k�nstlerische Sternstunden hervor. Hier ist das S�ndenbabel, wo Huren und Stricher, Mafia und korrupte Cops sich tummeln. Hier sind Anonymit�t und Vereinsamung zwei Seiten einer Medaille. Hier gehen Politik und Wirtschaft unheilige Allianzen ein, fallen Quartiere spektakul�r in Schutt und Asche.
CINEMA 54 steht ganz im Zeichen der Stadt im Film, einem der privilegiertesten Objekte von Filmkamera und Kinoerz�hlung. Im Blickfeld stehen nicht nur Megacities, sondern auch urbane Randzonen wie die Favela in Rio de Janeiro, der Untergrund in Budapest, die Brache in Berlin, der Hinterhof im Z�rcher Kreis 5. Es geht um spezifisch st�dtische Fortbewegungen und K�rpertechniken, wie das Flanieren durch San Francisco, der Tanz durch die Strassen der West Side oder der atemberaubende parkour an H�userfronten empor, �ber Dachterrassen hinweg.
Nachgesp�rt wird zudem der Stadt als Raum bestimmter Gef�hlswelten romantisch im Fall von Paris, bitter ern�chtert im Fall von Baltimore in der Serie The Wire. Virtuelle St�dte werden beleuchtet: das f�r den Film inszenierte Los Angeles, das es jenseits der Leinwand so nie gab, aber auch eigens f�r den Film hochgezogene Stadtteile, die weit �ber die blosse Kulissenstadt aus Pappe hinausgehen, oder Stadtansichten aus dem Computer.
In literarischen Miniaturen geben Filmschaffende und Schriftsteller Einblick in pers�nliche Filmstadterfahrungen, und ein Kurzfilm stellt die Stadtwelt, wie wir sie kennen, auf den Kopf. Die Fotostrecke macht das Faszinierende, aber auch das Bedr�ngende der Stadt erfahrbar.
Das �CH-Fenster� ist dem Schweizer Besetzerfilm, einem urbanen Ph�nomen par excellence, gewidmet. Die �Nocturne� sp�rt dem Mythos New York nach, der vielleicht mehr als andernorts immer auch ein Filmmythos ist. Der �Filmbrief� berichtet von der Kinostadt London und den Tendenzen der britischen Filmindustrie, w�hrend die �S�lection CINEMA� wie immer einen ausf�hrlichen �berblick �ber das Schweizer Filmschaffen des vergangenen Jahres bietet.
F�r die Redaktion
Philipp Brunner
Philipp Brunner, Dr. phil., geb. 1971, Filmpublizist und Dozent f�r Filmwissenschaft an der Universit�t Z�rich. Autor von Konventionen eines Sternmoments. Die Liebeserkl�rung im Spielfilm (Marburg 2008) sowie von Publikationen zum Queer Cinema, zum iranischen Kino, zu Romy Schneider und Marlene Dietrich. Seit 2005 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
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