Topographic Celluloid

Cinema, 2009 by Bucher, Gina

Die Stadt im Film Noir will sorgf�ltig gecasted sein, ist sie doch Hauptfigur und Schlupfwinkel in einem. Schatten, dunkle Ecken und d�stere Strassen braucht es, um die Desorientierung der Film-Noir-Helden - die eigentlich keine sind - zu unterstreichen. San Francisco beherbergte den Drehbuchautor Dashiell Hammett genauso wie dessen Hauptfigur Sam Spade und zeigt, wie Regisseure der undurchsichtigen Topografie vertrauten, um Figuren und Zuschauer gleichermassen zu verwirren. Mit den Augen eines Flaneurs, der sich von Sam Spade an der Hand nehmen l�sst, ist ein Spaziergang durch San Francisco gleichzeitig ein Gang �ber die Leinwand.

Der Blick in alle Himmelsrichtungen offenbart, was der Stadtplan verschweigt - zwar spannt sich �ber die ganze Stadt ein Netz scheinbar geradliniger Strassen: Washington, Clay, Sacramento, California, Pine, Bush, Sutter, Post, Geary - reihen sich von Norden nach S�den. Jones, Taylor, Mason, Powell, Stockton, Grant - ziehen sich von Westen nach Osten. Doch ist die Stadt keineswegs ein flaches Reissbrett, sondern eine h�gelige Landzunge. Westlich das Nichts oder der Pazifik, �stlich die Bay von San Francisco. Nach Norden jene Br�cke, die die Stadt ikonografisch zusammenfasst: die Golden Gate Bridge. S�d�stlich die blaugraue Oakland Bay Bridge, die Downtown mit Oakland und Berkeley verbindet, und The Maltese Falcon (John Huston, USA 1941) er�ffnet.

�Where do you go?�, fragt der freundliche Fahrer, der Humphrey Bogart alias Vincent Parry in seinem Auto mitnimmt. �To San Francisco�, antwortet Parry, dessen Gesicht w�hrend eines ganzen Drittels des Filmes Dark Passage (Delmer Daves, USA 1947) im Verborgenen bleibt. Er sei von Arizona, als Destination gibt er das Civic Center in San Francisco an. Kurz darauf wird er von Irene Jansen (Lauren Bacali) durch einen Tunnel und �ber die Golden Gate Bridge - vorbei an Polizeisperren, wie es sich f�r einen Fl�chtigen geh�rt - in die Stadt gefahren. Parry ist von Jansens Hilfe nicht ganz so �berzeugt wie sie selbst, l�sst sich von ihrer Coolness aber gerne verf�hren: �Where are we?�, fragt er, versteckt unter einer Wolldecke, auf dem R�cksitz ihres Autos. �My place�, antwortet sie einsilbig.

Die Strassen, die sich wie ein Netz an die H�gel schmiegen, strukturieren die Erinnerungen der Stadt, die Gastgeberin zahlreicher Film Noirs war. Bequem flanierend kann ein jeder das Ged�chtnis der Stadt durchlaufen und die Kulissen stutheren. Das Einzige, was der Flaneur braucht, um �ber die Leinwand zu spazieren, ist der Schutz Sam Spades. Und einen Stadtplan - ein Gl�ck, dass die Stadt mehrheitlich in Laufdistanz zu bew�ltigen ist.

Es sind einzelne Koordinaten, die den Flaneur an die Vergangenheit der Stadt mahnen. Regisseure wie John Huston, Delmer Daves oder Arthur Lubin brannten den Asphalt der Stadt auf Zelluloid. Meistens spielt sich San Francisco darin selber, manchmal ist es irgendeine Stadt. Einige Einstellungen entlarven konkrete Ecken der Stadt - flackernde Neonlichter auf dem Union Square, der hell erleuchtete Liftschacht der Malloch Apartments oder die h�geligen Strassen von Tenderloin nach Nob Hill. Nicht alle Bilder aber sind der Stadt vor Ort entliehen. Der Film Out of The Past (Jacques Tourneur, USA 1947) etwa wurde g�nzlich aus Archivbildern montiert und schafft eine Art Dummy der Stadt. Auch die erste Einstellung von The Maltese Falcon verr�t, dass dieser Film gr�sstenteils nicht vor Ort gedreht wurde. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man in der Anfangssequenz ein Datum - �Golden Gate Bridge: Fiesta 27 May� -, das auf die Er�ffnung der Br�cke vier Jahre zuvor, am 27. Mai 1937, verweist. Es liegt denn auch nicht in der Natur des Film Noir, �berblick zu verschaffen, denkt sich der Flaneur, entsprechend rar sind die �establishing shots�. Wenn doch, dann pr�sentiert sich die Stadt gerne mit einem Panoramashot von den Twin Peaks aus. Hierher f�hrt nur selten ein �ffentlicher Bus, daf�r bringen umso zahlreichere Cars ganze Ladungen von Touristen her, die sich einen �berblick �ber die sonnige Stadt erhoffen.

Die Stadt im Film Noir ist zentral und doch oft keine bestimmte. Wichtig sind ihre dunklen, wenn m�glich regennassen Strassen, die engen Treppenfluchten, versteckten Hauseing�nge und illustren Nachtklubs. Viele Film Noirs spielen in prototypischen Grossst�dten, einige in New York, viele in Los Angeles, ein paar in London. Jene, in denen San Francisco die Hauptrolle spielt, sind unverkennbar: The Maltese Falcon, Impact (Arthur Lubin, USA 1949), Dark Passage, Nora Prentiss (Vincent Sherman, USA 1947) oder D.O.A. (Rudolph Mat�, USA 1950) sind nur einige von vielen Beispielen. Ist es nicht eine der markanten Br�cken, die die Stadt verr�t, so werden es die H�gel sein, die nur schwer zu kaschieren sind. Kaum vorstellbar, wie die kalifornische Sonne die Stadt dem Dunkeln �berl�sst. Und doch genau dieser Kontrast macht wohl den Reiz der Location San Francisco aus: Tags�ber mag die Stadt l�ssig bis romantisch unter der Sonne liegen, nachts ist Platz f�r dramatische Szenerien. Im Idealfall aber will pl�tzlicher Nebel den Tag nicht freilegen und diesen zu unwirklicher Kulisse verzerren.

 

BNET TalkbackShare your ideas and expertise on this topic

Please add your comment:

  1. You are currently: a Guest |
  2.  

Basic HTML tags that work in comments are: bold (<b></b>), italic (<i></i>), underline (<u></u>), and hyperlink (<a href></a)

advertisement
advertisement
  • Click Here
  • Click Here
  • Click Here
  • Click Here
advertisement

Content provided in partnership with ProQuest